Eine KI kann heute in wenigen Sekunden einen Text produzieren, der auf den
ersten Blick erstaunlich wissenschaftlich klingt.
Und genau da beginnt das Problem. Denn ein Text kann hervorragend formuliert
sein – und trotzdem fachlich dünn, schlecht belegt oder sogar mit
fragwürdigen Quellen versehen sein.
Die spannende Frage lautet also nicht mehr nur: Hat jemand KI verwendet?
Sondern: Was hat die Person selbst geleistet? Welche Entscheidungen wurden
getroffen? Was wurde überprüft? Und lässt sich der Weg zum Ergebnis überhaupt noch
nachvollziehen?
Genau darum geht es heute.
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Bei der digi PH neun ging es unter anderem um die Frage, wie Hochschullehre
mit künstlicher Intelligenz umgehen kann, ohne wissenschaftliches Arbeiten auf das
Produzieren möglichst glatter Texte zu reduzieren.
Und ein Vortrag beziehungsweise Workshop hat dafür ein ziemlich konkretes Beispiel
geliefert. Im Mittelpunkt steht ein Seminar zum Schriftspracherwerb. Am Ende
verfassen die Studierenden eine Seminararbeit.
Und die Ausgangsbeobachtung dahinter dürfte vielen Lehrenden bekannt
vorkommen: Generative KI macht es unglaublich einfach, sehr schnell sehr
viel Text zu erzeugen. Im Vortrag wird beschrieben, dass solche Texte teilweise
ungeprüft übernommen werden – obwohl fachliche Tiefe, Übergänge oder
Quellenangaben nicht unbedingt stimmen müssen.
Das ist eigentlich ein interessanter Perspektivwechsel.
Denn man könnte auf diese Situation natürlich mit Verboten reagieren.
Stattdessen wird hier gefragt: Wie müsste eine Lehrveranstaltung aufgebaut sein,
damit Studierende KI verwenden können – und trotzdem zeigen müssen, wie sie zu
ihrem Ergebnis gekommen sind?
Und damit verschiebt sich der Fokus vom fertigen Text auf den Prozess.
Das ist wahrscheinlich einer der spannendsten Gedanken dieses Konzepts.
Eine Seminararbeit ist dann nicht mehr nur ein Dokument, das am Ende abgegeben
wird. Sichtbar werden auch die Schritte davor: Wie entsteht eine Fragestellung?
Wie wird mit KI kommuniziert? Welche Prompts werden verändert? Wie werden
Ergebnisse geprüft? Und welche Entscheidungen trifft der Mensch?
Der Aufbau des Seminars hilft dabei. Es gibt drei größere Lerneinheiten.
Zuerst geht es darum, eine geeignete Fragestellung zu entwickeln.
Danach folgt die Literaturrecherche.
Und im dritten Schritt geht es um das Überarbeiten eines Textes.
Das klingt zunächst fast klassisch.
Spannend wird es dadurch, dass KI nicht einfach am Ende zum Schreiben dazukommt,
sondern in diese einzelnen Schritte eingebaut wird.
Nehmen wir gleich die erste Phase: die Fragestellung.
Im vorgestellten Seminar soll sie einen Bezug zum Schriftspracherwerb und zu
künstlicher Intelligenz herstellen – also zum Beispiel danach fragen, welche
Potenziale oder Chancen KI in diesem Bereich haben könnte.
Und die KI liefert diese Frage nicht einfach fertig.
Die Studierenden bekommen zunächst Prompts als Ausgangspunkt. Diese sollen
sie verändern, erweitern oder durch eigene Prompts ersetzen.
Das ist ein kleiner Unterschied mit ziemlich großer Wirkung.
Ja. Denn ein vorgegebener Prompt kann sehr bequem sein: kopieren, abschicken,
Ergebnis übernehmen.
Hier wird aber gerade die Anpassung selbst zur Aufgabe.
Die Studierenden müssen überlegen: Passt dieser Prompt überhaupt zu meiner
Fragestellung? Was fehlt? Was muss präziser werden? Und wenn er nicht
funktioniert – wie formuliere ich ihn anders?
Die angepassten beziehungsweise selbst entwickelten Prompts werden anschließend
wiederum dokumentiert. Genau dieser Schritt ist im Vortrag ausdrücklich Teil
der Aufgabenstellung.
Und damit kommen wir zu einem Punkt, der für Prüfungen und Seminararbeiten in
Zeiten generativer KI besonders interessant ist:
Wie macht man Eigenleistung überhaupt sichtbar?
Eine Antwort des vorgestellten Konzepts lautet: indem man nicht nur das Ergebnis
anschaut.
Die Studierenden arbeiten mit einem virtuellen Klassenzimmer und speichern
ihre Promptverläufe. Diese werden später im Lernmanagementsystem hochgeladen.
Und laut Vortrag fließt ausdrücklich nicht nur das Endprodukt in die Bewertung
ein, sondern auch der Prozess – also zum Beispiel, wie mit der generativen KI
gearbeitet und kommuniziert wurde.
Das verändert natürlich auch die Bedeutung eines Prompts.
Ein Prompt ist dann nicht bloß ein technischer Befehl an eine Maschine.
Er wird zu einem kleinen Dokument einer Denkentscheidung.
Genau.
Und noch etwas ist daran interessant: Ein Promptverlauf beweist natürlich nicht
automatisch, dass eine wissenschaftliche Arbeit gut ist.
Aber er macht einen Teil des Arbeitswegs sichtbar.
Man kann nachvollziehen, wo nachgefragt wurde, wie eine Aufgabe eingegrenzt
wurde, wo etwas verändert wurde und wie sich die Arbeit entwickelt hat.
Man bewertet also nicht „wie schön kann jemand prompten“.
Nein. Im besten Fall bewertet man, ob jemand ein Werkzeug bewusst in einen
wissenschaftlichen Arbeitsprozess integriert.
Und das ist ein deutlicher Unterschied.
Dazu passt auch ein zweiter Punkt aus dem Vortrag: Transparenz bei der Bewertung.
Die Studierenden bekommen nicht erst am Ende irgendeine Note, sondern bereits im
Seminar eine Vorlage für die Seminararbeit und ein Bewertungsraster.
Sie wissen also vorher, nach welchen Kriterien ihre Arbeit beurteilt wird.
Gerade bei KI ist das enorm wichtig.
Denn sonst bleibt völlig unklar, was eigentlich erlaubt oder erwünscht ist.
Darf KI bei der Ideenfindung helfen?
Bei der Recherche?
Beim Formulieren?
Beim Überarbeiten?
Muss ich meinen Einsatz dokumentieren?
Was zählt noch als Eigenleistung?
Solche Fragen verschwinden nicht dadurch, dass man sagt: „Verwendet KI
verantwortungsvoll.“.
Man muss sichtbar machen, was Verantwortung in dieser konkreten Aufgabe
bedeutet.
Ein weiterer Baustein ist deshalb Grundlagenwissen.
Bevor die Studierenden mit den eigentlichen Aufgaben starten,
beschäftigt sich das Seminar damit, was künstliche Intelligenz und generative KI
überhaupt sind und wo Unterschiede zwischen verschiedenen Anwendungen
liegen.
Dafür werden unter anderem kurze Videos und kleine Fragebögen verwendet. Die
Materialien sind so angelegt, dass sie auch im Selbststudium bearbeitet werden
können.
Und damit sind wir wieder bei High-Flex-Lehre. Darüber haben wir ja in
einer anderen Folge schon berichtet.
Beim High Flex Modell soll ja die Lehrveranstaltung so organisiert sein,
dass Studierende synchron vor Ort, online zugeschaltet oder im Selbststudium
arbeiten können.
Das hat natürlich Konsequenzen für die Gestaltung.
Aufgabenstellungen, Materialien, Zeitrahmen und Bewertungskriterien müssen
so klar sein, dass jemand auch ohne permanente Begleitung verstehen kann: Was
muss ich hier eigentlich tun?
Eigentlich ist das ein guter Qualitätscheck für Lehrveranstaltungen
allgemein.
Wenn eine Aufgabe nur funktioniert, solange die Lehrperson danebensteht und
sie erklärt, ist vielleicht nicht nur das Selbststudium das Problem.
Absolut.
Und im Vortrag wird noch etwas Interessantes beschrieben: Fragen aus
synchronen Veranstaltungen werden gesammelt und im Lernmanagementsystem
dokumentiert.
Dadurch profitieren später auch jene Studierenden davon, die nicht
gleichzeitig dabei waren.
Zurück zur KI.
Denn mit der Wahl des Werkzeugs kommt noch eine zweite Ebene dazu: Datenschutz.
Und hier wird Datenschutz nicht nur als juristische Fußnote behandelt.
Im Vortrag wird beschrieben, dass bewusst unterschiedliche KI-Werkzeuge vorgestellt
und auch universitäre Vorgaben beziehungsweise geprüfte Umgebungen
berücksichtigt werden.
Die Studierenden sollen sich damit auseinandersetzen, welche Daten sie einem
System überhaupt geben, wo diese verarbeitet werden und unter welchen
Bedingungen ein Werkzeug verwendet wird.
Das finde ich didaktisch fast wichtiger als die Frage, welches konkrete Tool
gerade verwendet wird.
Tools ändern sich schnell.
Die Frage „Welche Informationen gebe ich hier eigentlich preis?“ bleibt.
Und genau das lässt sich auf viele Lehrveranstaltungen übertragen.
Nicht: Wir verwenden jetzt Tool X, weil Tool X gerade populär ist.
Sondern: Welche Aufgabe haben wir? Welche Daten entstehen dabei? Welches Werkzeug
passt dazu? Und welche Grenzen müssen Studierende kennen?
Es gibt noch einen Aspekt, den ich besonders interessant finde.
Die Studierenden dürfen bei der Entwicklung ihrer Ideen durchaus
gemeinsam arbeiten.
Am Ende braucht aber jede Person eine eigene Fragestellung, weil auch die
Seminararbeit individuell verfasst wird.
Die unterschiedlichen Fragestellungen werden auf digitalen Karten sichtbar
gemacht. Dadurch kann die Gruppe sehen, welche Ansätze bereits existieren und
woran andere arbeiten.
Das ist eigentlich ein schönes Beispiel dafür, dass Eigenleistung nicht bedeuten
muss, dass alle isoliert voneinander arbeiten.
Austausch ist erlaubt.
Ideen dürfen gemeinsam entstehen.
KI darf unterstützen.
Aber irgendwann muss eine individuelle fachliche Entscheidung getroffen werden.
Und genau diese Entscheidungen versucht das Konzept sichtbar zu machen.
Wenn wir das alles zusammennehmen, steckt darin vielleicht eine größere Antwort auf
die Frage, wie wissenschaftliches Arbeiten mit KI aussehen kann.
Nicht die KI-Nutzung an sich entscheidet über die Qualität einer Arbeit.
Sondern der Umgang damit.
Kann jemand eine eigene Frage entwickeln?
Kann jemand einschätzen, ob eine Antwort fachlich sinnvoll ist?
Kann jemand Quellen überprüfen?
Kann jemand erkennen, wann ein Text zwar gut klingt, aber inhaltlich nicht trägt?
Kann jemand begründen, warum ein bestimmter Arbeitsschritt sinnvoll war?
Und kann dieser Prozess nachvollziehbar dokumentiert werden?
Dann verschiebt sich auch die Frage nach der Eigenleistung.
Eigenleistung bedeutet nicht mehr zwingend, jeden einzelnen Satz ohne
technisches Hilfsmittel geschrieben zu haben.
Aber sie bedeutet weiterhin, Verantwortung für das Ergebnis zu
übernehmen.
Die KI kann formulieren.
Sie kann Vorschläge machen.
Sie kann bei der Strukturierung helfen.
Aber sie nimmt Studierenden nicht die Verantwortung dafür ab, zu entscheiden,
was davon fachlich brauchbar ist.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft dieses Beispiels:
Wenn generative KI Teil des wissenschaftlichen Arbeitens wird, muss
Lehre nicht weniger anspruchsvoll werden.
Sie kann an anderen Stellen anspruchsvoller werden.
Weniger Gewicht auf das bloße Produzieren von Text.
Mehr Gewicht auf Fragen, Entscheidungen, Quellenkritik, Reflexion und
nachvollziehbare Arbeitsprozesse.
Im Vortrag wurde übrigens angekündigt, dass die drei Lerneinheiten zum Finden
einer Fragestellung, zur Literaturrecherche und zum Überarbeiten
im Rahmen von OER zur Verfügung gestellt und für eigene Kontexte angepasst werden
können.
Das ist eine Aussage aus dem damaligen Vortrag – nicht die Behauptung, dass
jeder dort gezeigte Zugang heute noch unverändert erreichbar ist.
Und damit schließen wir für heute auch den Kreis zur digi PH neun.
Mit einem kleinen Blick nach vorne: Nach der neunten Ausgabe steht als Nächstes
die zehnte digi PH an – also ein kleines Jubiläum.
Dazu wird es hier natürlich wieder mehr zu hören geben.
Für heute bleibt aber eine Frage, die wahrscheinlich noch länger aktuell sein
wird:
Nicht: Hat die KI mitgeschrieben?
Sondern:
Was hat der Mensch daraus gemacht?
Danke fürs Zuhören bei VPH Lectures.
Bis zur nächsten Folge.
... Und an dieser Stelle noch ein kleiner Hinweis: Auch hier hat ein Mensch KI
verwendet, um diese Folge zu erstellen. Diese Podcastfolge wurde auf Grundlage
eines aufgezeichneten Beitrags der digi PH neun erstellt. Die Sprecherstimmen
sind KI-generiert.